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Gedenken ist Lebenstiefe

|   News aus Tostedt

von Rolf Adler

Sind wir Gott unseren Dank „schuldig“? Erntedank, Lebensdank oder ein anderes Gedenken? Nein! Dank und Gedenken sind keine Währung, mit der wir Schuldigkeiten zurückzahlen. Dank und Gedenken sind eine Form von Lebenstiefe. Solche Tiefe wird dort erkennbar, wo wir zum Beispiel etwas von den Voraussetzungen bedenken, von denen wir leben. Die Bibel erinnert an diese Lebenstiefe. Folglich ist sie voller denkendem Dank: „Gott, wie sind deine Werke so groß und viel …, die Erde ist voll deiner Güter.“ (Psalm 104,24) 

Es trifft den Kern des Dankens und Gedenkens nicht, wenn wir Lebenstiefe moralisch einfordern. Zum Gedenken laden wir ein. Es geht darum, Lebenswissen zu vergrößern. Bei Kindern, bei Jugendlichen und auch bei Erwachsenen. Wer mehr um die empfindlichen Bedingungen natürlichen und kulturellen Lebens weiß, erkennt mehr vom Wert des Lebens. Und wer mehr sieht, wird ehrfurchtsvoller. Dank und Gedenken sind also keine Währung, mit der wir Schulden begleichen könnten. Dank und Gedenken sind vielmehr gereifte Lebenstüchtigkeit und Wille zum Gelingen.

Bald kommt die Zeit der Dank- und Gedenktage. Neben dem Erntedank, dem Buß- und Bettag und dem Friedensgedenken zum Volkstrauertag kommt der Reformationstag als gesetzlicher Feiertag hinzu. Auch im Reformationsgedenken wirkt eine gereifte Form von Lebenstüchtigkeit und ein Wille zum Gelingen. Es geht um die Einsicht der Reformatoren, dass das Zusammenleben sich aus Haltungen formt. Und wo Gott bedacht wird, formt sich das Leben in besonderer Weise auf Freiheit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit hin. Danken formt das Denken. Und Denken formt das Leben. Die Kirchen laden zu diesen Tagen zu Gottesdiensten ein. Sie machen Denkangebote gegen zivilisatorische Erblindung. Wo Undank und Geschichtsvergessenheit wüten, wird die Zukunft belastet. Wir sind eingeladen, zu danken und zu gedenken als Ausdruck unserer Lebenstüchtigkeit und Lebensfreude. Es gilt nichts zurückzuzahlen. Es gilt etwas zu gewinnen. 

Pastor Rolf Adler

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